



Crossover around the world.
Crafted, not cooked.
Kochen mit Liebe und Leidenschaft.
Ich bin kein gelernter Koch.
Und das ist keine Einschränkung.
Ich bin Macher aus der IT. Seit über 25 Jahren arbeite ich in diesem Bereich, viele Jahre davon selbstständig. Strukturen verstehen, Probleme lösen, Verantwortung übernehmen – das ist mein beruflicher Alltag. Und wenn ich eines in dieser Zeit gelernt habe, dann das: Ein System läuft nicht stabil, weil man Glück hat. Es läuft stabil, weil man vorbereitet ist. Weil man die Basics sauber setzt. Weil man Prozesse versteht. Und weil man nicht erst dann anfängt nachzudenken, wenn es brennt.
Genau so koche ich.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich Kochen nie losgelassen hat: Weil es ebenfalls Verständnis braucht, Gefühl, Erfahrung – und den Mut, Entscheidungen zu treffen. Kochen ist Handwerk, aber Handwerk ist nicht „altmodisch“. Handwerk ist einfach nur: Du weißt, was du tust – und warum du es tust.
Kochen lief bei mir immer parallel. Nicht als Beruf. Nicht als Wettbewerb. Nicht als Show. Sondern als Leidenschaft, die nie verschwunden ist. Und die, ganz ehrlich, in meinem Leben oft mehr stabilisiert hat als so manches „erwachsene“ Konzept, das andere Menschen für wichtig halten.
Mein Interesse am Kochen begann früh. Mit sieben habe ich das erste Mal selbst gekocht – Popcorn. Fast hätte ich dabei die Küche in Brand gesetzt. Das gehört nicht in die Kategorie „Fehler“, sondern in die Kategorie „Frühdiagnose“: Da war Feuer. Und es ist geblieben.
In meiner Familie wurde gekocht. Nicht aus Lifestyle-Gründen, sondern weil es dazugehört hat. Meine Urgroßmutter stand noch am Holzherd in Koblenz. Meine Eltern betrieben in den 1970er-Jahren einen Imbiss in der Koblenzer Altstadt. Mein Stiefvater war Taekwondo-Lehrer, hatte zwei Jobs und kochte zusätzlich in einem Hotel in der Koblenzer Altstadt. Kochen war kein Event – es war Alltag, Arbeit und Zusammenkommen zugleich.
Als Kind und Jugendlicher habe ich viel Zeit in Mazedonien verbracht. Dort habe ich einfache Küchen kennengelernt und früh gesehen, wo Essen herkommt. Mit zehn habe ich das erste Mal eine Schlachtung miterlebt – Schwein und Lamm – und danach ganz selbstverständlich mitgegessen. Später auch bei Hausschlachtungen in Ostdeutschland. Das prägt. Nicht romantisch, sondern realistisch. Wer einmal verstanden hat, dass ein Tier nicht „ein Produkt“ ist, sondern ein Leben war, der kocht anders. Der schmeißt nichts weg. Der respektiert das Lebensmittel – nicht als Pose, sondern als Konsequenz.
Mit zwölf habe ich zum ersten Mal an Weihnachten für meine Familie gekocht: Lammkeule in Orangensauce, dazu selbstgemachte Kroketten. Das war kein Spiel. Das war ernst gemeint. Und genau dieses Gefühl hat mich nie losgelassen: Menschen satt und glücklich machen. Nicht nur „füttern“. Bewirten. Gastgeber sein.
Mit 14 und 15 habe ich ein Praktikum in der Küche eines renommierten Hotels gemacht. Mein Berufswunsch war Koch. Die Ausbildungsstelle habe ich nicht bekommen. Also bin ich einen anderen Weg gegangen – ich habe Kfz-Mechaniker gelernt, bin Techniker geworden, und am Ende war es die IT, die mein Berufsleben geprägt hat. Aber Kochen ist geblieben. Nicht als Traum, sondern als Fundament.
Parallel zu meinem IT-Beruf habe ich über viele Jahre in der Gastronomie gearbeitet – im Service, in der Küche, in der Organisation. Ich habe für chinesische Restaurants gearbeitet, mehrere mit eröffnet und Personal eingearbeitet. Mein damaliger Chef war ein renommierter Koch aus Amsterdam, gebürtig aus Hongkong. Und ja: Genau dort habe ich Dinge gelernt, die man in Deutschland oft entweder gar nicht kennt – oder für „Zauberei“ hält. Dabei ist es nur Prozess.
Später kam Catering dazu: Backfisch, Spanferkel, Familienfeste, Hochzeiten, Straßenfeste. Regelmäßig an Wochenenden, oft draußen, oft am Feuer. Ich grille ganze Tiere am Spieß, und wer das einmal gemacht hat, weiß: Das ist keine „Grillparty“. Das ist Logistik, Timing, Temperatur, Geduld – und Respekt vor dem Produkt. Dieses Kapitel endete erst mit der Corona-Zeit. Aber die Haltung ist geblieben.
Ich habe vier Jahre in Irland gelebt. Und ich habe Freunde aus China, Malaysia, Spanien, Irland, der Türkei und England. Unser gemeinsames Thema war und ist fast immer Essen. Austausch von Ideen, Techniken und Rezepten – neugierig, praktisch, ehrlich. Und damit sind wir beim Kern:
Dieses Buch ist kein klassisches Kochbuch.
Es geht nicht darum, Rezepte Schritt für Schritt nachzukochen.
Und es geht ganz sicher nicht darum, perfekt oder „modern“ zu sein.
Worum es mir wirklich geht: Kochen als Handwerk. Essen als Teil des Lebens. Haltung statt Show. Freude am Selbermachen. Und die Weitergabe von Erfahrung – nicht von Dogmen.
Darum hat dieses Buch kein Inhaltsverzeichnis. Kein „Zwang“, kein „richtiger Einstieg“. Man schlägt es auf, irgendwo mittendrin. Man liest. Man lacht. Man bleibt hängen. Man blättert weiter. So, wie man sich auch in einer Küche bewegt: nicht linear, sondern intuitiv. Genau so entsteht Kreativität: nicht durch Rezept-Abhaken, sondern durch Verstehen.
Und weil Verstehen nicht in Sprüchen passiert, sondern in Details, fange ich im Kopf immer an derselben Stelle an: bei der Basis.
Die Basis: Gewürzregal, Schrank, Kühlschrank – und warum das wichtiger ist als jedes Rezept
Wer gut kochen will, braucht keine Sterne. Aber er braucht Ordnung im Fundament. Ein gutes Gewürzregal ist wie eine gute IT-Infrastruktur: Wenn die Basis wackelt, wird’s oben drauf nie stabil. Und wenn du jedes Mal improvisierst, weil dir die Grundlagen fehlen, wird Kochen Stress. Das will ich nicht. Ich will Freiheit – und Freiheit entsteht durch Vorbereitung.
1) Salz & Pfeffer: keine Nebensache, sondern Standard Ich benutze eine Salz- und Pfeffermühle. Salz: Meersalz oder Steinsalz, gern auch Fleur de Sel oder Himalaya-Salz – aber ohne Jodierung und ohne Zusätze. Pfeffer: gute, frische Körner, die ich erst dann mahle, wenn ich sie brauche. Warum? Weil die ätherischen Öle nicht darauf warten, dass du „irgendwann mal Zeit“ hast. Frisch gemahlen ist keine Esoterik, das ist Physik.
Und: Gewürze gehören in dunkle, luftdichte Dosen. Licht und Luft sind Aromakiller. Getrocknete Petersilie, die zwei Jahre offen rumsteht, schmeckt irgendwann nach… Papier. Das ist nicht „rustikal“, das ist einfach nur tot.
2) Paprika – und zwar richtig Zur Basis gehört bei mir ein gutes Paprikapulver in Bio-Qualität. Und zusätzlich Rauchpaprika, weil ein Hauch Rauch vielen Gerichten Tiefe gibt. Nicht, weil ich alles nach Lagerfeuer schmecken lassen will, sondern weil Rauch ein Geschmacksträger ist. Punkt.
3) Kräuter: frisch, gefroren oder getrocknet – aber mit Verstand Natürlich sind frische Kräuter top. Aber niemand lebt in einem Kräutergarten mit Dauer-Sonnenschein. Also: ich arbeite auch mit tiefgefrorenen oder getrockneten Kräutern – Basilikum, Thymian, Rosmarin, Petersilie, Schnittlauch, glatte Petersilie, Majoran. Wichtig ist nicht „frisch um jeden Preis“, sondern „brauchbar, ordentlich gelagert, rechtzeitig verbraucht“.
4) Schmor-Klassiker: Lorbeer, Nelken, Sternanis, Zimt Lorbeerblätter gehören bei mir praktisch zu allem, was Zeit bekommt: Schmorgerichte, Soßen, Fonds. Dazu Nelken, Sternanis, Zimt – nicht um alles zu „weihnachtlich“ zu machen, sondern um Tiefe zu bauen. Wer das einmal sauber eingesetzt hat, merkt schnell: Das ist kein „Gewürz“, das ist ein Hebel.
5) Kreuzkümmel und die türkisch-orientalische Achse Kreuzkümmel ist für mich ein Schlüsselgewürz – gerade wenn du türkisch/orientalisch kochst oder Tiefe in Hack, Lamm, Hülsenfrüchte bringen willst. Und ja: Je besser dein Regal gefüllt ist, desto mehr Küchen deckst du ab.
6) Umami – nicht als Modewort, sondern als Werkzeug Umami ist keine mystische fünfte Dimension. Umami ist der Grund, warum viele Leute im Restaurant sagen: „Warum schmeckt das bei denen besser?“
Meine Antwort: Weil sie Tiefe bauen.
Ich nutze dafür ganz bewusst Dinge wie: Sojasauce (ja, auch in deutscher Küche – dosiert, nicht dominant), getrocknete Pilze (haben „Dampf“), Rauchpaprika / Rauchsalz, Knoblauch und Sellerie-Noten.
Und ja: Es gibt inzwischen Umami-Gewürzmischungen. Aber wenn du weißt, woraus sie bestehen, brauchst du sie nicht zwingend. Trotzdem nutze ich gern gute Produkte aus Feinkost/Bioläden (Alnatura & Co.), weil Qualität am Ende Zeit spart.
7) Ich verzichte meist auf fertige Mischungen – mit zwei Ausnahmen, die ich offen benenne Ich mag keine Mischungen, die alles zudecken. Aber ich koche auch nicht für ein Tribunal. Wenn etwas funktioniert, funktioniert es.
Ich nutze zum Beispiel von Block House den Steakpfeffer und auch deren Zaubergewürz. Und ich mag Gewürze von Ankerkraut. Punkt. Wer damit nicht klarkommt, darf gern weiter über „Purismus“ philosophieren – ich bin in der Küche, nicht im Feuilleton.
8) Asialaden – Pflichtprogramm für Crossover Ein ordentliches Gewürzregal für asiatische Küche braucht ein paar Fixpunkte: Sojasauce (ich arbeite mit mindestens zwei Profilen: „normal/dunkel“ und eine japanische Richtung wie Teriyaki – Details folgen später im Buch), Hoisin-Sauce, Sesamöl, Sambal Oelek (im Asialaden oft günstiger und in besserer Qualität als im Supermarkt) und Five Spices (für den typischen chinesischen Touch, u. a. für Ente).
Und wenn du schon da bist: Nimm dir gleich einen guten Duftreis mit – Jasmin oder Basmati. Im Asialaden oft günstiger und besser als das, was manche Supermärkte als „Premium“ verkaufen.
9) Zitrone, Orange – und wenn’s nicht da ist, dann eben clever Ich habe nicht immer Orangen oder Zitronen zu Hause. Aber ich verfeinere fast jedes Gericht gern mit Abrieb oder etwas Säure, weil das Geschmack hebt. Und wenn keine Zitrone da ist: Dann tut’s auch die gute alte gelbe Plastik-Quetschzitrone. Die ist nicht sexy, aber sie ist verfügbar. Und verfügbar schlägt perfekt, wenn du kochen willst statt planen.
10) Senf, Tomatenmark, Dosentomaten: kleine Details, große Wirkung Ich habe immer süßen und scharfen Senf im Haus. Und Tomatenmark ist Pflicht. Aber: Ich achte darauf, wie stark es konzentriert ist (2-fach, 4-fach). Ein paar Cent mehr lohnen sich, weil du weniger brauchst und schneller Tiefe bekommst.
Und bei Tomaten gilt für mich ein harter Satz:
Für Soßen sind ganze Dosentomaten oft besser als „gehackt“ oder „passiert“, weil sie zum richtigen Zeitpunkt geerntet und sofort verarbeitet werden. Viele Fertigmischungen sind verwässert. Ich nehme lieber ganze Tomaten und arbeite damit – Flotte Lotte, mitkochen lassen, Struktur behalten.
11) Soßen: keine Mehlschwitze, kein Soßenbinder Soßenbinder ist für mich ein No-Go. Mehlschwitze habe ich aussortiert, weil sie Geschmack zurücknimmt. Wenn ich binden will, mache ich es so: fein geriebene Kartoffel in die Soße (Stärke bindet, ohne zu „mehlen“) oder Direktspeisestärke, kontrolliert eingesetzt.
Das ist sauber, nachvollziehbar, und es schmeckt nach Gericht – nicht nach „Hilfsmittel“.
Fette und Öle: neutral arbeiten, am Ende veredeln
Ich benutze fast nie eine Fritteuse. Wenn ich frittiere, mache ich das kontrolliert im Topf – „Belgien-Style“, auf Induktion, temperaturgenau: 160 °C fürs Vorfrittieren, 180 °C fürs Finish. Das hat zwei Vorteile: Ich behalte Kontrolle, und ich verbrenne mir nicht das Öl.
Zum Braten und Frittieren nutze ich fast ausschließlich Sonnenblumenöl: günstig, neutral, in Mengen verfügbar. Viele Öle sind „gesund“, bringen aber Eigengeschmack mit, der nicht immer passt. Ein Wiener Schnitzel in Rapsöl? Schmeckt oft nach Rapsöl. Das will ich nicht. Ich will Schnitzel.
Und jetzt kommt ein Punkt, bei dem ich sehr klar bin: Butterschmalz ist teuer geworden und kann zu dominant sein. Ich brate lieber schwimmend in Sonnenblumenöl und gebe kurz vor Schluss ein großzügiges Stück Butter dazu. Damit bekomme ich den butterigen Geschmack, ohne dass das Gericht nach „Butterkeule“ schmeckt. Meine Oma hätte gesagt: „Da gehört Butter dran.“ Ich sage: Recht hatte sie.
Olivenöl habe ich in zwei Klassen: ein gutes Olivenöl (am liebsten griechisch, oft über Freunde) für Salat und Finish – im besten Fall grasgrün, frisch, leicht pfeffrig – und ein solides, bezahlbares Olivenöl zum Braten mediterraner Dinge: Fisch, Meeresfrüchte, Antipasti wie Auberginen/Zucchini mit Knoblauch.
Und ja: Ich kann ein sehr gutes Olivenöl auch pur genießen. Ein kleines Glas – und du merkst, ob du ein Lebensmittel in der Hand hast oder nur „Fett“.
Wein in der Küche: nicht zum Angeben, sondern zum Kochen
In meiner Küche steht Weißwein und Rotwein. Weißwein trocken und spritzig – passt in viele Richtungen. Und: Wenn im asiatischen Rezept Reiswein verlangt wird und keiner da ist, kann man trockenem Weißwein helfen – sparsam dosiert, nicht als Ersatz-Fasslager. Rotwein nehme ich gern halbtrocken, weil „zu trocken“ Soßen hart machen kann. Süßwein? Niemals. Tetrapack? Niemals.
Und für alle, die keinen Alkohol wollen oder dürfen: Man kann ersetzen – zum Beispiel Rindergulasch mit Brombeersaft. Das ist nicht „Notlösung“, das ist eine eigene Note, wenn man es versteht.
Werkzeuge und Haltung: Ich koche nicht gegen die Moderne – ich koche gegen Denk-Ersatz
Ich hasse Gerätewahn. Nicht, weil ich Technik nicht verstehe – ich komme aus der IT. Ich lehne Geräte ab, wenn sie Denken ersetzen. Ein Konvektomat kann großartig sein. Aber ich komme meistens mit einem Feuerzeug, einem Topf und einem scharfen Messer zurecht.
Ich setze lieber auf klassische Werkzeuge: Gussbräter / Bräter, der Wärme hält und der vom Herd in den Ofen kann; Eisen- oder Gusseisenpfanne; gerippte Steakpfanne; Keramik/Römertopf, wenn’s passt; und ein gutes, scharfes Messer.
Ich brauche keinen Messerblock. Ich brauche ein Wohlfühlmesser. Eines, das ich kenne, dem ich vertraue, das mobil ist, das mir in der Hand liegt. Ein Messer ist nicht nur „Werkzeug“, es ist der verlängerte Arm deines Handwerks. (Und ja: zu meinem Messer komme ich später noch ausführlicher. Das ist ein eigenes Kapitel.)
Vorbereitung: der Unterschied zwischen Stress und Genuss
Jetzt kommen wir zu dem Teil, der meine Küche wirklich ausmacht: Vorbereitung wie in der Gastronomie – aber alltagstauglich.
Ich kaufe Wurzelgemüse nicht als Suppengrün-Mix, weil das Verhältnis nie stimmt. Mal zu viel Lauch, mal zu wenig Karotte. Ich kaufe einzeln: Lauch, Knollensellerie, Staudensellerie, Petersilienwurzel und Karotten.
Dann wird in einem Rutsch verarbeitet – je nach Menge per Messer oder Küchenmaschine. Und dann wird portioniert eingefroren. Das klingt banal, ist aber ein Gamechanger: Du kannst an einem normalen Tag kochen, als hättest du Personal im Hintergrund.
Knoblauch: Ich mag marokkanischen, weil er sich gut schälen lässt und milder ist – oder frischen. Auch hier gilt: vorbereiten, zerkleinern, mit Öl aufgießen, luftdicht im Kühlschrank lagern. Öl verhindert Oxidation. Ergebnis: Du hast „frischen“ Knoblauch auf Abruf. Alternativ: Knoblauch klein schneiden, salzen, mit der Gabel zerdrücken – schnell und effektiv.
Und dann: Fonds, Soßen, Grundlagen. Wenn bei mir von einem Gulasch oder einer Veranstaltung Soße übrig bleibt, wird sie nicht weggeworfen. Sie wird eingefroren. Später mache ich Rouladen, brate an, lösche mit Rotwein ab – und gebe diese eingefrorene, hochwertige Basis dazu. Das ist keine „Fertigsoße“. Das ist mein eigenes System. Dadurch wird Kochen einfach, ohne billig zu werden.
Das ist mein Prinzip: Ich investiere einmal Zeit – und kaufe mir damit später Freiheit. Freiheit für Familie. Freiheit für Gäste. Freiheit für Genuss.
Reste sind Rohstoffe: die zweite Runde ist oft die bessere
Ich schmeiße keine Reste weg. Niemals. Das hat nichts mit Geiz zu tun, sondern mit Respekt – und mit Kreativität. Viele Gerichte schmecken am zweiten Tag besser. Lasagne zum Beispiel ist prädestiniert dafür: am Vortag machen, kalt stellen, setzen lassen – am Festtag nur regenerieren. Dann hast du Zeit für Gäste statt Stress am Herd.
Und Kartoffelpüree? Wenn Kartoffelpüree übrig bleibt, fängt bei mir die Show erst an – aber nicht Instagram-Show, sondern Küchen-Show:
Variante 1: Kartoffelpüree aufspritzen (Backpapier), mit Eigelb bepinseln – und du hast Königskartöffelchen. Aus „Rest“ wird „Besonderheit“.
Variante 2: Kartoffelpüree mit Ei, etwas Mehl und Speisestärke stabilisieren, formen, in Paniermehl wenden, in reichlich Sonnenblumenöl braten – und du hast selbstgemachte Kroketten. Und ja: der Unterschied zu Convenience ist nicht „ein bisschen“. Es sind Welten.
Und wenn Gulasch, Kartoffeln, Gemüse übrig bleiben – aber nicht genug für alle? Dann wird daraus Füllung. Empanada-Teig, rein damit, backen. Das kann man warm essen, kalt essen, mitnehmen. Das ist die Art von Küche, die Menschen wirklich hilft – im Alltag, nicht nur am Sonntag.
Meine Oma hätte das gefeiert. Ihr Grundsatz war klar: „Was rumliegt und fortmuss.“ Reste wurden ausnahmslos verwendet. Und manchmal war das Ergebnis am zweiten Tag besser als am ersten.
Crossover beginnt nicht auf dem Teller, sondern im Kopf
Viele verstehen Crossover falsch. Sie denken an „wir mischen Zutaten“. Ich meine etwas anderes: Ich mische Techniken, Prozesse, Vorbereitungen. Ich nehme das Beste aus Küchen – und setze es dort ein, wo es Sinn ergibt.
Zwei Beispiele, die du im Buch noch öfter sehen wirst:
1) Ente knusprig: Pekingenten-Prinzip für deutsche Ofenente
Warum ist die Ente beim Chinesen knusprig und bei uns oft fettig? Nicht wegen exotischer Gewürze. Wegen Vorbereitung: außen trocken lassen, nur innen würzen; Haut vom Fleisch lösen, damit Fett ablaufen kann; mit siedendem Wasser übergießen (Haut spannt, Poren schließen); abhängen und trocknen lassen (trocken = knusprig). Dann kannst du ganz normal „deutsch“ würzen und braten – aber mit einem Ergebnis, das leichter, rösch und sauberer ist.
2) Fleisch zart: Velveting
Das berühmte „Zart wie beim Chinesen“ ist kein Zauber. Es ist Prozess: quer zur Faser schneiden, eher dünn; Marinade: Stärke, Eiweiß, Sojasauce, Reiswein (oder trockener Weißwein sparsam), ein wenig Öl; kurz vorgaren in heißem Wasser oder Öl (10–20 Sekunden), dann erst braten. Das ist Technik. Und wenn du Technik verstanden hast, kannst du sie übertragen. Was hindert mich daran, das auch bei deutschem Kurzgebratenem zu nutzen? Nichts. Außer Dogma.
Und Dogma ist nicht meine Küche.
Hühnerbrühe: Medizin, die man einfrieren kann
Ein Klassiker aus dem echten Leben: Kinder sind krank. Man selbst ist krank. Oder man wacht mit einem Kater auf, weil die Weihnachtsfeier länger war als geplant. In solchen Momenten ist eine richtige Hühnerbrühe Gold wert. Aber sie muss lang gekocht sein, kräftig gewürzt, gern mit Pfeffer und Ingwer, damit der Organismus in Schwung kommt.
Und jetzt wieder: System. Wenn ich Hühnersuppe koche, koche ich mehr. Ein, zwei Tassen extra. Portionsweise einfrieren. Dann musst du dich nicht krank in den Supermarkt schleppen. Du gehst an den Gefrierschrank, wärmst sie auf, trinkst sie – und fühlst dich, als hätte dir jemand den Reset-Knopf gedrückt.
Das ist keine Romantik. Das ist Küchenkompetenz.
Worum es mir wirklich geht – und wie du dieses Buch benutzen sollst
Dieses Buch belehrt nicht. Es sagt nicht: „So musst du kochen.“
Sondern: „So kann man es sehen.“
Ich will nicht, dass Menschen meine Rezepte kopieren. Ich will, dass sie verstehen, wie man denkt. Wie man vorbereitet. Wie man mit Lebensmitteln umgeht. Wie man gute Produkte erkennt. Wie man mit wenig Ausstattung groß kochen kann. Und wie man aus dem, was man hat, etwas Leckeres macht – weil genau unter diesem „Druck“ oft die besten Gerichte entstehen.
Du wirst hier Originalgerichte finden und Interpretationen. Du wirst Länder finden und landestypische Produkte. Du wirst Gewürze finden, die eine Küche ausmachen – und du wirst lernen, wie man sie sinnvoll in andere Richtungen überträgt. Du wirst günstige und schnelle Ansätze finden – und genauso aufwendige, wenn du Zeit hast. Und du wirst Humor finden, weil Kochen ernst sein darf – aber nie verkrampft.
Dieses Buch hat kein Inhaltsverzeichnis, weil ich nicht will, dass du es „abarbeitest“. Ich will, dass du es nutzt. Du schlägst es auf. Irgendwo. Mittendrin. Du liest. Du nimmst einen Gedanken mit. Du probierst etwas aus. Du lachst vielleicht. Du blätterst weiter. So wie man in einer Küche arbeitet: intuitiv, lebendig, mit Gefühl.
Und bevor ich es vergesse: Zum Essen gehört für mich mehr als der Teller. Ein gutes Bier oder ein guter Wein. Wasser. Ein gedeckter Tisch. Kerzenlicht. Und manchmal ein Lagerfeuer. Essen ist ein sozialer Moment. Es ist Menschenzeit.
Widmung: Anton – und eine Haltung, die weiterlebt
Dieses Buch ist meinem Sohn Anton gewidmet. Nicht als Lehrbuch. Sondern als Haltung, die weitergegeben wird. Wir kochen nicht „zusammen“ im Sinne von: ich bringe ihm etwas bei und er macht nach. Anton kocht eigenständig. Kreativ. Mit Herz. Ohne, dass er meinen Input braucht.
Ich habe mit zwölf Lammkeule mit selbstgemachten Kroketten gekocht. Anton ist heute 13 und macht selbstständig Ravioli mit Ricotta-Füllung und Salbei-Butter. Das ist keine Konkurrenz. Das ist eine Haltung, die weiterlebt.
Und genau darum geht es hier: nicht um mein Ego. Nicht um Show. Nicht um „guck mal, wie toll“. Sondern darum, dass Menschen wieder Lust bekommen, den Herd anzumachen – und ihre eigene Geschichte zu schreiben.
Crafted, not cooked.
Viel Spaß beim Lesen und liebe Grüße von
Oliver (54)
Vater von zwei wunderbaren Kindern, Anton (13) & Lucy (17)
